Die göttliche Sinfonie

…Die göttliche Sinfonie


Die Vision der Wirklichkeit hat sich im Lauf der Jahrhunderte entfaltet, als menschliche Gesellschaften mit Sinnkrisen kämpften und außergewöhnlich eingestimmte Individuen (Propheten) heraufdämmernde Bewusstseinsfelder (Offenbarung) erahnten. Man könnte sagen, dass es der qualvolle Aufschrei der Bewohner der äußeren Ebene ist, der die inneren Ebenen veranlasst, ihnen neue Führung zuteil werden zu lassen.

Jede Weltreligion hat der Menschheit ein heiliges Wort – in heiliger Schrift verkörpert – gegeben, das die Übersetzung eines ewigen archetypischen Buches repräsentiert: des kosmischen Folianten der göttlichen Weisheit.

Jede Religion hat einen wahren Ton angestimmt. Heute leben wir in einer höchst bemerkenswerten
Ära, in der wir das Privileg haben, diese Töne zu hören – nicht bloß als Bruchstücke, sondern als eine einzige umfassende Sinfonie. Wenn all diese Töne zusammenkommen, hört man die Musik der Botschaft.
Die göttliche Botschaft kann nun innerhalb der Totalität der menschlichen Erfahrung erfasst werden. Sogar in der Konfrontation mit den traumatischsten und gefährlichsten Herausforderungen, denen die menschliche Spezies jemals gegenüberstand, wird uns damit zugleich die vollständigste Vision der Botschaft Gottes geboten, die jemals möglich gewesen ist. Aber in diese Vision muss man hineinwachsen. Eine auf Erfahrung beruhende und integrierende Vision kann nicht anders realisiert werden als mittels eines transformativen Prozesses, der jeden Teil unseres Wesens einbezieht. Sie kann
nicht befohlen oder erzwungen werden. Es gibt keine Religion oder spirituelle Ausrichtung, die ein Monopol auf die Wahrheit besitzt. Dies kam in den Worten Ibn al-’Arabis so treffend zum Ausdruck, als er sagte: „Hüte dich davor, dich dadurch einzuschränken, dass du einen Glauben einem anderen vorziehst, denn viel Gutes würde dir entgehen. Tatsächlich würde dir das Wissen um die Wirklichkeit
entgehen. Sei in dir selbst ein gestaltbarer Stoff für alle Formen des Glaubens, denn Gott ist zu unermesslich und zu großartig, um auf den einen oder anderen Glauben beschränkt zu werden.“

Die Verirrung des Dogmatismus

Sektiererischer Dogmatismus ist nicht nur eine antiquierte Einstellung; es handelt sich um einen epistemologischen Irrtum der grundlegendsten Art. Er ist ein simples Versagen im Erkennen der Realität. Der Versuch, die Wahrheit zu kontrollieren und zu regulieren, bringt uns dazu, der Wahrheit untreu zu werden.
Sobald wir den Anspruch erheben, Gott hinreichend einschätzen zu können, eignen wir uns unrechtmäßig die Autorität an, die Gott allein gebührt. Über die Fundamentalisten zu spotten, ist jedoch nur eine andere Form von Fundamentalismus. Frömmlerisch verdammend zu sagen: „Es gibt zwei Arten von Leuten in dieser Welt: diejenigen, die die Welt zweiteilen, und diejenigen, die das nicht tun“, heißt eine absurde Paradoxie zu formulieren.
Die Alternative besteht darin, auch denen gegenüber Toleranz zu üben, die noch keine Toleranz gelernt haben, in der Überzeugung, dass im Innersten ihres Herzens genau das gleiche Ja widerhallt. Obwohl es ein schwerwiegendes Vergehen ist, das Ideal eines anderen zu zerstören, muss doch jeder von uns darauf vorbereitet sein, wenn die Zeit reif ist, sein eigenes Ideal zu zerschmettern und sich über die Begrenzungen seiner eigenen vorgefassten Meinungen zu erheben. Es kommt ein Moment auf dem spirituellen Pfad, wenn das Objekt der Anbetung, das man so liebevoll geschaffen hat, zu einem Schleier wird, zu einer Trennwand zwischen dem Anbetenden und dem Angebeteten, und das lange in Ehren gehaltene Idol zerstört werden muss.
In dieser Zerstörung des Idols zerfällt auch der Anbetende selbst, und alles, was dann bleibt, ist Intimität – die Gegenwart eines
Friedens, der unbeschreiblich, endlos und ewig ist. Man ist nun so, wie man immer war und immer sein wird.

Das Geheimnis der Verkörperung

Dann aber fühlt man in den Tiefen des Absoluten eine Regung. Es ist dieselbe Vibrationswelle, die uns ursprünglich aus der Vor-Ewigkeit hervorbrachte, um einen Auftrag zu erfüllen. Es ist unser Ja, die Kraft, welche die Seele dazu bewegte, in den Körper hinabzusteigen und ihn zu beleben. Es ist unser Lebenszweck, der Ton, den wir zu der kosmischen Sinfonie beizutragen haben. Er hallt in uns wider. Er ruft uns zurück ins Leben, ins Engagement, in Beziehung, in die ganze Komplexität und Unsicherheit der heutigen Welt.
Nun aber steigen wir bewusst anstatt unbewusst herab, getragen von der Einheit des Seins. Nachdem wir uns nach innen gewendet haben und aufgestiegen sind, fließen wir nun herab und nach außen, während das Herz sich weitet, um die kostbare Heiligkeit jedes verkörperten Wesens zu umfassen. Hier entdecken wir das Geheimnis der Verkörperung. Wir erkennen in aller Klarheit, dass wir Symbionten sind, geschaffen und wiedergeschaffen in den Wendungen und Umschwüngen unserer Beziehungen.

Wir sind Geschöpfe von Staub. Adam kommt von adama, Lehm. Die Erde unter unseren Füßen ist eine Urkraft in unserem Leben.
Der Dichter Ghalib hat gesagt: „Nicht alle – nur einige haben sich verkörpert in der Tulpe und in der Rose. Wie viele schöne Gesichter sind noch versiegelt im Staub?“
All die wundersamen und mannigfaltigen Ausdrucksweisen des göttlichen Angesichts, die wir um uns herum erblicken, sind Inkarnationen der lebendigen Erde, die zur Erde zurückkehren, um kompostiert zu werden, von wo sie in neuen Gestalten sich wieder erheben. An jedem Tag wird die Erde neu belebt und enthüllt dabei neue Gesichter der Schönheit.

Und wir sind Geschöpfe des Wassers. Da unser Körper ein Körper aus Wasser ist, schickt alles, was auf uns einwirkt, kleine Wellen aus, die in jedem Tropfen unseres Körpers, unseres Herzens und unserer Seele widerhallen. Wenn Wasser eingeschlossen ist, wird es verunreinigt. Eingesperrt zwischen den beengenden Ufern unseres Ego verwandelt sich das Wasser des reinen Geistes in Schlamm. Wenn aber
unsere kleine Pfütze in den unermesslichen Ozean kosmischer Emotion fließt, wird sie gereinigt und erlöst. Im Sonnenlicht aufsteigend, fällt sie wieder herab als frischer Regen.

Und wir sind Geschöpfe des Feuers. Wir können uns die Sonne als eine Scheibe am Himmel vorstellen, aber in Wirklichkeit ist das Licht, das uns beständig umgibt und unsere Wahrnehmungen leitet, der Körper der Sonne. Wir baden in ihm. Die Wärme unseres Körpers ist die Energie der Sonne. Sie entzündet unsere Leidenschaft, befeuert unsere Hingabe und bewirkt, dass wir für die Wahrheit entbrennen.
Ein großer Sufi hat gesagt: „Liebe ist ein Feuer, das im Herzen aufflammt und solange brennt, bis unser ganzes Wesen in Licht verwandelt ist.“

Und wir sind Geschöpfe der Luft. Der gewaltige Raum zwischen und in den Teilchen unseres Wesens ist unvorstellbar. Wir sind keine festen Gegenstände. Wir sind Energiemuster in Bewegung, Synergien von Wellen eingebettet in Wellen, Wirbel im göttlichen Atem. Den gasförmigen Zustand zu erleben, bedeutet von der schweren Bürde der Welt massiver Objekte entlastet zu sein. Man lernt die Freiheit, die Gelassenheit und die Verzückung der Vögel kennen, die hoch in den Lüften segeln.

Die Sehnsucht des Einen Wesens

Aber ebenso wie die Wolken sich schließlich in die blaue Weite des Himmels auflösen, so löst auch unsere luftige Natur sich am Ende in unsere essentielle Natur auf. Dieser subtile, aber bedeutsame Wechsel bildet den Übergang von Materie zu Geist. Die feinsten Gewebe von Materie durchdringend, tauchen wir in die Unmittelbarkeit der reinen Gegenwart des Geistes ein.
Aber die Begegnung mit reinem Geist ist nicht das Ende des Weges. Wenn wir Geist in seinem nicht-manifesten Zustand wiederentdeckt haben, möchten wir sein geheimnisvolles Fortschreiten in der Manifestation weiterverfolgen. Die Konsequenz ist Staunen über Staunen. Die Sehnsucht des Einen Wesens enthüllt sich. Aus der Einsamkeit der Ewigkeit stieg der Eine in Liebe hinab, angezogen von dem Wunsch, den verborgenen
Schatz zu erfahren, der nur entdeckt werden kann, wenn Pluralität und Einheit konvergieren. Die Sehnsucht nach dieser Konvergenz ist der Impuls, der die kosmische Evolution vorantreibt.
Sie ist die geheime Bahn, auf der die Menschheitsgeschichte sich bewegt…..

Dies ist ein Ausschnitt aus dem Artikel des Sufi-Meisters Pir Zia Inaya Khan, der im Oktober 2007 in der Zeitschrift VISIONEN erschienen ist.

Herzlichen Dank sowohl an Pir Zia Inaya Khan und den Sufiorden für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung (www.sufiorden.de) als auch an Frau Hasswani und Ihre Mitarbeiterinnen von der Zeitschrift VISIONEN (www.visionen.com) für Ihre Unterstützung.

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